
Nördlich der Innenstadt von Oschersleben begegnet man auf der westlichen Seite der heutigen Breitscheidstraße dem leerstehenden und verwahrlosten Gebäudekomplex der einstigen Germania-Brauerei. Abenteuerlustige geben auf Lost-Places Seiten im Internet Hinweise darauf, wie man in die einstige Brauerei eindringen kann. Fotos zeigen den aktuellen Zustand der Fabrik.
Mitte der 1860er Jahre erwarb der Oscherslebener Schlachter August Storch ein auf einem kleinen Hügel, dem Hubertusberg gelegenes Ausflugslokal, die „Heinesche(n) Hopfengärten“. Bereits ein Jahr später errichtete er in unmittelbarer Nachbarschaft eine Bierfabrik, die schon bald nach ihrem Besitzer benannt wurde. Nach und nach wurde die Brauerei erweitert.
Die Fabrik wechselte mehrfach ihren Eigentümer. 1912 warben diese für Tafelbier nach Pilsener Art, Lagerbier nach Pilsner und Münchner Art sowie Altbier (Erntebier). 1915 kaufte der Kaufmann Walter Görts die Brauerei und nannte sie in Germania-Brauerei um.
Gemäß einer gedruckten Arbeitsordnung von 1895 wurde montags bis sonnabends zwischen 04:30 Uhr und 18:00 Uhr gearbeitet. Unter Abzug der Pausen betrug die effektive Arbeitszeit 11:30 Stunden. Überstunden wurden nicht entlohnt. Wer zehn Minuten zu spät zur Arbeit erschien, musste mit dem Verlust eines halben Tagesverdienstes rechnen. Nach Angaben von 1906 erhielten die Arbeiter damals einen Lohn zwischen 19 bis 26 Mark pro Woche.
Der Betrieb beschäftigte auch Minderjährige. Die Vereinsbrauerei Storchshöhe GmbH teilte 1905 mit, dass sie Arbeiter unter 14 Jahren von 6 Uhr morgens bis 12 Uhr mittags und Arbeiter zwischen 14 und 19 Jahren wochentags zehn Stunden beschäftige.
Diese Arbeitsbedingungen führten offenbar zu Arbeitskonflikten. Ausgangspunkt einer Auseinandersetzung vom Sommer 1906 war die Entlassung eines Arbeiters „wegen ungebührlichen Betragens“. Daraufhin forderte die Gewerkschaft der Brauer die Wiedereinstellung des Entlassenen, was die Brauerei ablehnte. Es folgte ein Boykott des Biers der Brauerei. Diejenigen Arbeiter, die den Boykott unterstützten – immerhin neun von 21 Arbeitern –, sperrte die Brauerei in der Zeit vom 17. August bis zum 17. November 1906 aus. Im Ergebnis setzte sich die Brauerei durch.
Abb.: Arbeitsordnung der Brauerei (Foto: StA Oschersleben, PV 94)
Ein ständiges Problem war die Frage der Abwässer, die die Brauerei ungeklärt in die oberirdisch in die Stadt verlaufende sogenannte Wasserrenne ableitete. Die Gewerbeaufsicht leitete bereits 1896 ein Verfahren gegen die Brauerei ein. Beschwerden gab es noch nach dem Ersten Weltkrieg. Von „üblen Ausdünstungen“ war die Rede. Doch die Eigentümer sahen sich 1923 wegen der „unsicheren Geschäftslage und der knappen Geldverhältnisse […] nicht in der Lage, die geforderte Arbeit jetzt auszuführen.“ Die Kläranlage wurde später zwar gebaut, doch die Beschwerden rissen auch in den Folgejahren nicht ab.
Nach Gründung der Sowjetischen Besatzungszone wurde die Fabrik verstaatlicht und im Jahr 1954 mit ihren damals 78 Arbeitskräften als „VEB Brauerei Oschersleben“ dem Rat des Kreises Oschersleben unterstellt und 1965 zum Betriebsteil des VEB Brau- und Malzunion Hadmersleben.
Seit 1967 stellte die Brauerei eine neue Biersorte mit dem Namen „Gambrinus“ her, deren Produktion aufgrund der hohen Nachfrage stetig ausgebaut wurde. Im Jahre 1982 wurden 91.000 Hektoliter Bier – helles Vollbier, Deutsches Pilsner und Gambrinus – erzeugt. 75.000 Hektoliter wurden in Flaschen abgefüllt. Die Herstellung des beliebten Gambrinus umfasste im Jahr 1989 mit etwa 63.000 Hektoliter ungefähr 83 Prozent der Gesamtproduktion der Fabrik.
Nach der Friedlichen Revolution in der DDR wurde die Brauerei im Frühjahr 1990 wieder juristisch und ökonomisch selbständig. Eine Firma aus Recklinghausen installierte eine Anlage zur Fassreinigung und zum Befüllen von Bierfässern. Damit konnte die Brauerei erstmals seit Jahren wieder Fassbier ausliefern. Gebraut wurde helles Vollbier und Bockbier, doch überwog die Herstellung von Gambrinus.
Im Jahr 1990 konnte die Fabrik auf eine 125-jährige Tradition zurückblicken. Aus diesem Anlass erstellten Mitarbeiter eine Broschüre zur Geschichte der Brauerei. Selbst eine Erinnerungsmedaille wurde herausgegeben.
Die Privatisierung der Fabrik durch die Treuhand gelang letztlich nicht. Bereits 1990 setzte der Niedergang der Brauerei ein. Im Juli 1991 wurden fast alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf Kurzarbeit gesetzt. Die Treuhand erteilte Herbert Just, einem Unternehmer aus Recklinghausen, der seit Herbst 1990 das ehemalige Ausflugslokal „Storchshöhe“ gepachtet und Interesse am Kauf der Brauerei bekundet hatte, im Jahr 1991 Hausverbot und setzte einen kommissarischen Geschäftsführer ein. Nach Angaben der „Volksstimme“ hatte Just gegenüber der Brauerei 76.000 DM Schulden.
Ein von der Treuhand mit einem weiteren Investor aus Koblenz ausgehandelter Vertrag kam nicht zustande, da der Erwerber im Januar 1992 nicht zum Notartermin erschien. Wertvolle Zeit verstrich, insbesondere für die damals 32-köpfige Belegschaft. Die Brauerei wurde nun zum Verkauf ausgeschrieben. Gleichzeitig investierte die Treuhand 650.000 DM für dringende Sanierungsmaßnahmen am Sudhaus.
Schließlich erwarb im November 1992 ein Ost-Berliner Investor die Brauerei. Er plane, erklärte er vollmundig, Investitionen in Millionenhöhe. Zwar konnte die Fabrik ihren Absatz steigern, doch im harten Wettbewerb gelang es der kleinen Firma nicht, sich zu behaupten. Schließlich stellte die Brauerei Ende 1995 den Betrieb ein; das gesamte noch verbliebene Personal wurde entlassen. Damit hatte die Brauerei nach 130 Jahren aufgehört zu existieren.
Abb.: Lageplan der Brauerei (Foto: StA Oschersleben, PV 42 a)
