
Das Industrie- und Filmmuseum ist im 1909/10 errichteten Begießerei-Gebäude der ehemaligen Filmfabrik Wolfen untergebracht, davor der 250 m³- Kocher aus der Vistra-Faserherstellung. Im Dezember 1993 wurde das Industrie- und Filmmuseum Wolfen eröffnet. 83 Jahre nach der Aufnahme einer Rohfilmproduktion in Wolfen und rund 18 Monate nach der Einleitung der Liquidation der Filmfabrik Wolfen GmbH, die nach der Spaltung der 1990 entstandenen Filmfabrik Wolfen AG in zwei Gesellschaften, die Filmproduktion weitergeführt hatte.
Das Industrie- und Filmmuseum Wolfen präsentiert nicht nur regionale Industriegeschichte, es erinnert auch an die 1873 in Berlin gegründete „Actien-Gesellschaft für Anilin-Fabrikation“ und die Gründer. die den Weg des Unternehmens nach Wolfen initiierten.
Am 21. Juli 1873 fusionierten die Berliner Unternehmen „Chemische Fabrik“, von Max Jordan (1837-1906) gegründet, und die „Gesellschaft für Anilin Fabrikation“ von Paul Mendelssohn-Bartholdy (1841-1880) und Carl Alexander von Martius (1838-1920) gegründet, zur „Actien-Gesellschaft für Anilin-Fabrikation“ (Agfa). Das Unternehmen nach dem 1897 eingeführten prägenden Warenzeichen Agfa bekannt geworden, produzierte Grundchemikalien und Farbstoffe.
Die erfolgreiche Entwicklung des Unternehmens führte zu Erweiterungsplänen. Nach erfolgslosen Ansiedlungsversuchen im Rhein-/Maingebiet fiel schließlich die Entscheidung, in Greppin, eine Farbenfabrik zu errichten. Die Nähe zu Berlin, die Möglichkeit der Abwasserentsorgung durch die Mulde und Erweiterungsmöglichkeiten waren die Hauptgründe für den Weg von der Spree an die Mulde.
1887 trat mit Momme Andresen (1857-1951) ein Chemiker mit der Aufgabe in die Agfa ein, neue Farbstoffe zu entwickeln. Doch der Hobbyfotograf eröffnete der Agfa ein neues Geschäftsfeld, die Produktion fotochemischer Erzeugnisse. Bereits 1888 fand er mit dem Paraphenylendiamin eine Chemikalie zur Entwicklung von Fotoplatten. Seinem nimmermüden Einsatz ist es zu verdanken, dass ab 1894 Fotoplatten, 1896 Fotofilme und um die Jahrhundertwende Filme für die Kinoindustrie produziert wurden. Die hohe Nachfrage nach Agfa Filmen führte zur Entscheidung eine Filmfabrik in der Nähe der Agfa Farbenfabrik Wolfen zu errichten.
Abb.: Die Begießmaschine auf der 1936 der erste Mehrschichten-Farbfilm gefertigt wurde, links das Emulsionsantragssystem, rechts die Aufwicklung der Filmbahn (Fotos: Industrie- und Filmmuseum Wolfen)
1909 begann der Bau der Fabrik zur Herstellung von Filmen für die Kinoindustrie. Am 19. Juli 1910, nur wenige Monate nach Baubeginn, wurde die Erlaubnis zur Produktion von Filmen erteilt. Kernstück des ersten Bauabschnittes war die Begießerei 1, in der die lichtempfindliche Emulsion auf die Filmunterlage aufgetragen wird. In dem erweiterten und umgebauten Gebäude ist heute das Industrie- und Filmmuseum untergebracht.
Der Produktion von Filmen für die Kinoindustrie folgten später Foto- und Röntgenfilme, Filme für die Druckindustrie sowie Luftbildfilme. Die Produktionsaufnahme einer Kunstseide auf Basis modifizierter Holzzellulose leitete 1922 den Aufbau eines Textilfasersortimentes ein. Mit der Herstellung von Magnettonbändern ab 1943, erweiterte eine weitere Produktlinie das Sortiment. In den folgenden Jahren avancierte die Filmfabrik Wolfen zur größten in Europa mit Innovationen die Geschichte geschrieben haben.1985 hatten rund 15.000 Beschäftigte hier ihren Arbeitsplatz.
Das IFM ist das weltweit einzige Museum, das neben Geräten zur Filmanwendung (Kameras, Projektoren) die Fertigung des Filmes an Originalmaschinen zeigt.
Präsentiert wird die Herstellung des Films von der Filmunterlage über den Antrag der lichtempfindlichen Emulsion bis zur Aufarbeitung der 120 cm breiten Filmbahnen in die verschiedenen Formate, die zu etwa 300 Filmerzeugnissen führte. Die 800 Kameras umfassende Sammlung ist die bedeutendste in Sachsen-Anhalt.
Der Besucher taucht in die weitgehend unter Dunkelraumbedingungen erfolgte Produktion ein. Die Beschichtungsanlage, an der der erste Farbfilm nach dem 1936 präsentierten Agfacolor-Neu-Verfahren gefertigt wurde, ist das Kernstück des Museums.
Die bahnbrechende Erfindung des Mehrschichten-Farbfilms in Wolfen leitete die Farbfotografie für Jedermann ein. Die Anwendung des Verfahrens in der Kinematografie führte schließlich zum ersten abendfüllenden deutschen Farbkinofilm „Frauen sind doch bessere Diplomaten“ der am 31. Oktober 1941 in Berlin seine Uraufführung erlebte.
Abb.: Reges Treiben in der Filmkonfektionierung, in der die Filmbahnen in die gewünschten Formate geschnitten und in die Kino- und Fotokleinbildfilme die Perforationslöcher eingestanzt werden (Foto: Industrie- und Filmmuseum Wolfen)

In der 2022 eröffneten Faserausstellung wird die 1934 in der Filmfabrik Wolfen entwickelte, weltweit erste vollsynthetische Textilfaser präsentiert. Die PeCe-Faser führte zu Textilien, die in der DDR unter dem Logo Vylan bekannt wurden. Im Museum erinnert wird auch an die Fertigung der Polyamidfaser Perlon/Dederon und Wolpryla in der Filmfabrik Wolfen.
Ein Raum für Vorträge und Filmvorführungen bietet etwa 120 Personen Platz. Die Vorführung von Kinofilmen mit dem typischen Geräusch der Filmprojektoren vermittelt „Kintopatmosphäre“, wie sie der Kinobesucher vor der Digitalisierung des Kinos erlebte.
Nachweise
- Die Filmfabrik Wolfen-Portrait eines traditionsreichen Unternehmens, Hrsg. GÖS-Gesellschaft für SanierungsmaßnahmenWolfen und Thalheim GmbH.
- Ein Museum stellt sich vor, Hrsg. Industrie und Filmmuseum e.V.